ab40 January 2000
Octofungi Yves Amu Klein

Mit Yves AMU Klein beginnen wir in der ab 40 unseren Dialog mit der jüngeren Generation und vor allem auch mit Männern. Ich kenne Yves AMU Klein von klein auf. Er ist durch seine Eltern und Großeltern in einer Lebenshaltung geprägt worden, in der die künstlerische Auseinandersetzung existenziell in jedem Moment des Lebens zumindest unbewusst präsent war, sodass er sich gar nicht entziehen konnte und seinen eigenen Weg im Dialog Mensch-Natur-Kunst suchen musste.

Mich begeistert an seiner Kunst die intensive Auseinandersetzung mit der technischen Entwicklung, in der er sich souverän mitentwickelt, sie mitgestaltet durch seinen ungewöhnlichen Dialog: ihn beschäftigt die Frage der Grenzübergänge zwischen beseelter-unbeseelter Natur und Technik und der Mensch als Ausdruck in diesem gigantischen Entwicklungsprozess. Es sind nicht die virtuellen Welten, die ihn reizen, er geht weit zurück in die Vergangenheit und verfolgt minutiös Entwicklungsschritte, wie mit seinem Projekt der Octofungis, wunderschöne archaische Fabelwesen, die mit uns als Kunstbetrachter und Mensch in Kontakttreten.

Entwicklung heißt Interaktion, heißt Dialog. Living Jewelry (Lebende Juwelen) ist ein weiteres Projekt, in dem die Wirkung von Edelsteinen auf uns und wir aufsie zum Thema seines Kunstobjektes zwischen Mensch, Natur, Technik wird. Faszinierende Fragestellungen, die für mich so gestellt und gestaltet neu und anregend sind und mich von meiner "Technikphobie" und "arroganten Abwehrhaltung" der gesamten technischen Entwicklung gegenüber (ich besitze als Zeitungs-macherin noch nicht einmal einen Computer) ein Stück weit befreien und wieder neugierig machen. Lieber Yves, herzlichen Dank! Greta Tüllman

Octofungi ist eine intelligente Skulptur, die mit den Menschen und mit ihrer Umgebung in Interaktion tritt, und die dabei ungewöhnliche Materialien und Technologien einsetzt.

Sie steht auf einem Sockel, in dem ein Transformator untergebracht ist, der die acht Beine mit Strom versorgt, und von wo aus eine geregelte Stromquelle das Gehirn und die Sensoren mit elektrischer Energie versorgt. Ein Stecker in der Steckdose ist die einzige externe Verbindung zu der Skulptur. Sie wird weder ferngesteuert noch durch ausgelagerte Computer kontrolliert. Das Octofungi muss man nur einstecken, und schon geht es los!

WIE FUNKTIONIERT EIN OCTOFUNGI? Octofungi besteht aus dem Grundstoff Polyurethan, der wenig wiegt und sehr widerstandsfähig ist, vermischt und ergänzt mit Nussschalenmehl, Sojamehl und winzigen Glasperlen. Dadurch soll größtmögliche Robustheit des Materials bei kleinstmöglichem Gewicht erzielt werden.

Diese Kombination ist wichtig, damit die enormen Spannungen ausgehalten werden können, die von den Muskeldrähten erzeugt werden. Diese Muskeloder Speicherdrähte befinden sich bei einer Temperatur von 200 Grad Fahrenheit in einer vorgegebenen Form. Wenn der Draht abkühlt, verformt er sich zu einem Fischknochenförmigen Kristallgitter, dessen Formen flexibel sind, d.h. der Draht kann gedehnt werden. Wird der Draht dagegen durch elektrische Ströme erhitzt, so versucht er, in seine vorgegebene Form zurückzufinden, zieht sich zusammen und kristallisiert. Diese Kontraktion wird über die gesamte Drahtlänge hin vermittelt und setzt eine Reihe von Beinbewegungen in Gang, wobei das Eigengewicht des OCTOFUNGI und/oder ein paar Federn die Beine dann wieder in ihre Ausgangspositionen zurückbringen.

"Bisher kann Octofungi nur sein Verhalten willentlich kontrollieren. Trotzdem glaube ich. dass die Trennlinie zwischen lebender und toter Materie unklarer ist, als wir denken". Yves AMU Klein

Eingebaute Sensoren bestimmen mit Hilfe von einmaligen binären Bitcodes die Position jedes Octofungi-Beins zu jedem beliebigen Zeitpunkt. Diese Informationen werden ans Gehirn des Octofungi weitergeleitet und dort in Impulse umgesetzt, die dem Muskeldraht in bestimmte, der Beinposition angepasste Bewegungen bringt und außerdem dafür sorgt, dass der Muskeldraht sich nicht überhitzt oder anderweitig beschädigt wird.

IST OCTOFUNGI LEBENDIG? "Octofungi ist ein sehr komplexes System, aber es hat einige der Elemente nicht, die ich als unverzichtbar für jegliche Form des Lebens betrachte. Erstens sucht es sich keine Nahrung. Wenn wir Energiezufuhr als Essen betrachten, so wird Octofungi intravenös ernährt, aber es "weiß" nicht, dass es essen muss, und es weiss nicht, wie es Nahrung bekommen kann. Andererseits sind Pflanzen auch in gewisser Weise mit den Nährstoffen des Bodens und der Sonnenenergie "verdrahtet". Aber Pflanzen wissen, wie sie diese Nährstoffe suchen müssen, indem sie ihre Wurzeln oder Blätter in die entsprechende Richtung hinbewegen". Yves AMU Klein

Das Gehirn des Octofungi besteht aus vier Mikro-kontrollchips mit Software zur Kontrolle der Beine, der Beinsensoren, des internen Feedbacks, der Augeninformationen und der Informationsauswahl. Außerdem ist das Gehirn mit der Wirbelsäule verbunden. Die Augen (eigentlich Kadmium-Sul-Fid-Zellen) wandeln analoge in digitale Informationen um und senden diese ans Gehirn weiter. Die stehen aus dem Körper heraus, sodass der Octofungi seine Umgebung sehen kann, und zwar in alle Richtungen gleichzeitig. Allerdings ist er sehr kurzsichtig. Alles, was sich weiter als zwei Fuß (ca. 60 cm) entfernt befindet, entgeht ihm. Die Augen sind die einzigen Sinnesorgane, die die Skulptur besitzt. Sie öffnen sich auf Befehl des Gehirns alle 1,5 Sekunden und geben Rückmeldungen über die jeweilige Lichtintensität ans Gehirn weiter.

Das Gehirn verhält sich reflexiv. Dadurch reagiert der Octofungi auf Veränderungen seiner Umgebung. Wenn sich um die Skulptur herum eine Bedingung verändert, wird diese Veränderung von Octofungi wahrgenommen und verursacht eine entsprechende Anpassung des internen "Umweltwissens" der Skulptur.

"Octofungi's Selbst-Bewusstsein ist zur Zeit rein instinktiv; es unterhält keine höheren Denkprozesse. Man kann es wahrscheinlich mit einem nicht in Gruppen lebenden Insekt vergleichen, z.B. mit einer Motte oder einer. Schnecke. Mit dem genetischen Gehirn, das wir gerade entwickeln, hoffe ich, die Verhaltenskomplexität eines Fischs zu erreichen". Yves AMU Klein

Weile gar nichts, so scheint es dem Octofungi langweilig zu werden. Es bewegt sich dann für kürzere Zeit einfach von selber, nur so für sich.

Wenn jemand mit der Skulptur in Kontakt kommen möchten, muss sie nur ihre Hände über die acht Lichtsensoren bewegen, die rund um den Kopfrahmen angebracht sind. Je nachdem, wie aggressiv oder wie sanft dies geschieht, wird das Octofungi sich jeweils anders verhalten. Das Gehirn soll so weiterentwickelt werden, dass brutale Bewegungen unausweichlich instinktive Reaktionen der Skulptur auslösen werden. Wenn man also zart und geduldig mit Octofungi umgeht, so wird man mit überraschenden und lohnenden Interaktionserfahrungen belohnt.

Ist Octofungi z.B. alleine in einem Zimmer mit einem Fenster, durch das die Sonne hereinscheint, so wird er sich ab und zu aufrichten, um die Sonne anzusehen, dann wieder setzt er sich hin. Wenn es dunkel wird, geht Octofungi schlafen, allerdings bewegt er sich dabei gelegentlich wie im Traum. Kommt dann jemand ins Zimmer und macht Licht, so werden sich alle Beine gleichzeitig voll aufrichten.

"Die genetische Evolution und die sexuelle Reproduktion werden nicht direkt vom Octofungi selber ausgeführt werden, sondern durch einen externen Computer, der die spezifischen Bedingungen für eine größere Octofungi-Bevölkerung simulieren wird. Ähnlich wie einige Pilzarten, die Sporen aussenden, die wiederum die reproduktiven Organe einer Gastpflanze zur eigenen Reproduktion mitbenutzen. So gesehen imitiert Octofungi biologisches Leben". Yves AMU Klein

Jedes Octofungi wird zuhause im Studio von Yves AMU Klein gebaut. Es ist also kein Fließband-Produkt, sondern eine Skulptur, die mit Liebe und Leidenschaft gebaut wurde, einzig und allein für den Zweck der Neugierde, der Ästhetik und der Erforschung des Imaginären und der Träume.

Yves AMU Klein hofft, dass Galerien und Museen sich den Kauf eines Octofungi überlegen, damit die Skulptur denen zugänglich wird, die gerne mit ihr in Kontakt treten würden. Octofungi kann man auch privat kaufen, jedoch - bedingt durch die technologische Komplexität - ist es eine sehr teure Skulptur. Interessenten können gerne unter der e-mail-Adresse yklein@netzone.com mit dem Künstler direkt Kontakt aufnehmen.

"Traditionellerweise haben Künstler immer versucht, das Leben der Natur durch Kunst darzustellen. Mit Octofungi habe ich versucht, diesen Ansatz einen Schritt weiter zu führen, indem ich die moderne Technologie mit eingesetzt habe. Ich möchte Fragen aufwerfen über das Verhältnis zwischen belebter Materie und künstlich belebten Objekten. Ich versuche auch, Menschen dazu zu bringen, unsere Definition von "Leben" neu unter die Lupe zu nehmen - ist "Leben" auf das beschränkt, was wir wissen, oder kann es über unser jetziges Verständnis hinausgehen?". Yves AMU Klein

LIVING SCULPTURES "Living Sculptures" steht für den Stil und die Richtung, die Yves AMU Klein in seinen Kunstwerken eingeschlagen hat. Das "Octofungi" ist hier nur eines von vielen Kunstwerken: "Living Jewelry" z.B. ist ein Projekt mit dem Ziel, interaktiven Schmuck herzustellen, der sowohl auf die jeweilige Trägerin als auch auf Fremde reagiert. Mit der Zeit stellt sich ein intimes Verhältnis her zwischen Schmuck und Trägerin, eine Art Sprache, in der sich die beiden miteinander unterhalten können.

"Living Jewelry''-Schmuck kann lernen, die verschiedenen Qualitäten Ihrer Stimme, Ihrer Bewegungen zu erkenn, und täglich mehr Ihrer Persönlichkeit und Ihres Verhaltens in seinem eigenen Verhalten zu berücksichtigen. Und Sie können andererseits dieses Verhalten immer besser kennenlernen.

Oder das "Triloterrabyte Project" - "Trila" hat drei ausgestreckte Arme mit Bewegungen ähnlich eines Wurms oder einer Schlange. Am Ende jedes Arms befindet sich eine große rotierende runde Anzeige, die Bilder projizieren kann: entweder Spiegelungen von dem, was sich vor oder hinter der Scheibe befindet oder auch farbenfrohe Graphiken, Bilder oder etwas ganz anderes. Was angezeigt wird, hängt völlig von Trilas jeweiligem emotionalen Zustand ab. Dadurch sollen emotionale Zustände einer lebenden Skulptur visuell dargestellt werden. "Trila" repräsentiert das künstlerische Bemühen, die Tiefen emotionaler Prozesse zu erforschen. "Wallflower Project" steht für eine weitere lebendige Skulptur mit acht artikulierenden Armen, von denen jeder drei Gelenke besitzt. Die blumenähnliche, an der Wand befestigte Skulptur wird eine fortentwickelte Version des Octofungi-Gehirns besitzen und ein ausgeklügeltes Sensorensystem einsetzen, um ihre Umweltwahrnehmungen zu verfeinern und ein entsprechend breites Verhaltensund Reaktionsspektrum zu ermöglichen.

Lorax works ist ein Unternehmen, das die innovati-ven Produkte verkauft, die Yves AMU Klein und seine Assistenten im Laufe der Forschung für "Living Sculptures" entwickelt haben. Weitere Informationen über den Künstler, seine Werke, seine Zukunftsvisionen und seine Verkaufsmöglichkeiten können Sie am besten übers Internet erfahren, und zwar unter der Adresse http://www.yvesamuklein.com.

 


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E-mail us at yklein@livingsclupture.com.

 


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